
Wie KI Berufe verändert: Ein Interview mit Prof. Martin Baumann
29. April 2026X-Y-Theorie:
Wieso echte Vernetzung beim Menschenbild beginnt
Man kann Menschen nicht in Netzwerke einladen und sie gleichzeitig wie Geräte behandeln, die man bei Bedarf ein- und aussteckt.
Klingt unbequem? Ist es auch. Denn genau hier beginnt oft der Denkfehler in Organisationen: Wir wünschen uns Vernetzung, Zusammenarbeit, Eigeninitiative, Lernen, Innovation und Verantwortung. Gleichzeitig bauen wir Strukturen, Prozesse und Führungslogiken, die eher sagen: „Bitte vorher fragen, absichern und keine Überraschungen.“
Willkommen im Spannungsfeld der X-Y-Theorie von Douglas McGregor. Und willkommen bei der Frage, was dieses ältere Führungsmodell mit sehr modernen Themen wie Vernetzung und Vernetzen zu tun hat.
Spoiler: ziemlich viel.
Denn die Art, wie wir auf Menschen schauen, entscheidet darüber, wie wir Organisationen gestalten. Ob wir Räume öffnen oder Regeln stapeln, ob wir Vertrauen geben oder Kontrolle ausweiten, ob wir Menschen miteinander ins Denken bringen oder jede Idee erst durch sieben Freigabeschleifen jagen.
Das Menschenbild als unsichtbarer Organisationsbauplan
Douglas McGregor beschrieb mit seiner X-Y-Theorie zwei unterschiedliche Grundannahmen über Menschen in der Arbeitswelt.
- In der Theorie X steckt die Annahme: Menschen vermeiden Arbeit, müssen kontrolliert werden, brauchen Druck, Anreiz und klare Ansage. Verantwortung? Eher schwierig. Eigeninitiative? Nur, wenn es sein muss. Motivation? Kommt von außen.
- In der Theorie Y sieht das anders aus: Menschen wollen etwas leisten. Sie möchten sich einbringen, Verantwortung übernehmen, lernen, gestalten und wachsen. Sie brauchen Sinn, Vertrauen, Entwicklungsmöglichkeiten und passende Rahmenbedingungen. Motivation entsteht durch Zugehörigkeit, Wirksamkeit und Identifikation.
Natürlich leben reale Organisationen selten sauber in Theorie X oder Theorie Y. McGregor verstand diese Menschenbilder eher als Pole auf einem Kontinuum und genau dort wird es spannend: Zwischen „Menschen müssen eng geführt werden“ und „Menschen können Verantwortung übernehmen“ liegt ein riesiger Entwicklungsraum.
Dieser Raum zeigt sich im Alltag: in Meetings, Feedbackgesprächen, Zielvereinbarungen, Entscheidungsprozessen und in der Art, wie Fehler besprochen werden und in der Frage, ob Menschen wirklich miteinander in Verbindung kommen dürfen. Denn wer Menschen grundsätzlich misstraut, gestaltet selten lebendige Vernetzung.
Vernetzung beginnt mit Zutrauen
Viele Organisationen investieren in Plattformen, Kollaborationstools, Projektstrukturen, Communities, Barcamps und interne Netzwerke. Das ist alles nicht falsch, denn gute Formate können Türen öffnen.
Und trotzdem erleben wir in unserer Beratungsarbeit immer wieder: Ein Tool macht noch keine Vernetzung, Een Teams-Kanal ist noch keine Zusammenarbeit., ein bereichsübergreifendes Meeting ist noch kein Dialog. und ein Organigramm mit gestrichelten Linien ist noch lange kein lebendiges Netzwerk.
Vernetzen passiert dort, wo Menschen einander etwas zutrauen.
- Theorie X produziert häufig Schutzverhalten. Menschen halten Informationen zurück, weil Wissen Macht bedeutet. Sie fragen lieber dreimal nach, bevor sie entscheiden. Sie warten auf Freigaben, weil Eigenverantwortung zwar plakatiert, im Zweifel jedoch sanktioniert wird.
- Theorie Y schafft andere Voraussetzungen: Menschen teilen Wissen, weil sie Wirkung erzeugen wollen. Sie suchen Perspektiven, weil sie wissen, dass sie allein nicht alles sehen. Sie übernehmen Verantwortung, weil sie Sinn und Spielraum erleben.
Oder kantelbergisch gesagt: Vernetzung wächst nicht auf dem Parkplatz der Kontrolle. Sie braucht Nährboden und dieser Nährboden heißt Vertrauen.
Was Führung wirklich sendet
Führung sendet ständig Botschaften, auch dann, wenn niemand etwas sagt. Eine Führungskraft, die jede Entscheidung an sich zieht, sendet: „Ich traue euch das nicht zu.“ Eine Organisation, die jede Idee zuerst in ein Formular presst, sendet: „Bitte stört den Ablauf nicht.“ Ein Bereich, der Informationen nur auf Aufforderung teilt, sendet: „Wir bleiben lieber unter uns.“ Und dann wundern sich alle, dass die Vernetzung nicht fliegt.
In Transformationsprozessen zeigt sich das besonders deutlich. Auf der Bühne wird Beteiligung versprochen. In der Praxis werden Entscheidungen im kleinen Kreis getroffen. Auf Folien steht „gemeinsam gestalten“. Im Alltag heißt es aber dann: „Dafür ist gerade keine Zeit.“ Das ist, als würde man zum Tanzen auffordern und dann die Musik ausschalten.
Die X-Y-Theorie hilft hier wie ein Spiegel. Sie fragt nicht zuerst: „Welche Methode nutzen wir?“ Sie fragt: „Was glauben wir eigentlich über die Menschen, mit denen wir arbeiten?“
Aus der Beratungspraxis
Eine öffentliche Organisation hatte genau das getan, was viele sich wünschen: Schnittstellen reduziert, Abstimmungsschleifen gekappt und Entscheidungswege verkürzt. Auf dem Papier ein klarer Schritt Richtung Eigenverantwortung und trotzdem lebte nichts. Die Entscheidungen, die jetzt dezentral hätten fallen sollen, wanderten weiterhin nach oben. Und das nicht weil die Struktur es verlangte, sondern weil die Menschen es so kannten. Die Eigenverantwortung war über Jahre hinweg nicht selbstverständlich gewesen und. das unausgesprochene Menschenbild der Organisation sagte man solle sich Lieber absichern als entscheiden. Der Prozess war neu. Das Vertrauen war es nicht. Genau das ist der blinde Fleck vieler Veränderungsprojekte. Man optimiert die Struktur und wundert sich, dass das Verhalten nicht folgt. Verhalten folgt eben nicht automatisch der Struktur, sondern dem Menschenbild, das über Jahre eingraviert wurde.
Die entscheidenden Fragen lauten also: Trauen wir Menschen zu, komplexe Themen zu verstehen? Verantwortung zu übernehmen? Unterschiedliche Perspektiven produktiv auszuhalten? Mit Unsicherheit umzugehen?
Wenn die ehrliche Antwort zögerlich ausfällt, ist das kein Drama. Dann ist es ein Startpunkt.
Vernetzung braucht Räume, nicht nur Appelle
Wer Vernetzung will, muss Räume schaffen, in denen Vernetzen möglich, sinnvoll und sicher ist. Diese Räume brauchen mehr als einen Kalendereintrag.
- Sie brauchen Klarheit: Wozu vernetzen wir uns eigentlich? Geht es um Lernen, Innovation, schnellere Entscheidungen, bessere Kund:innenlösungen, Orientierung oder Entlastung?
- Sie brauchen Struktur: Wer kommt zusammen? Wie regelmäßig? Mit welchem Mandat? Mit welcher Entscheidungskompetenz?
- Sie brauchen psychologische Sicherheit: Darf ich eine halbfertige Idee aussprechen? Widersprechen? Sagen, dass ich etwas nicht weiß? Eine andere Perspektive einbringen, ohne als kompliziert zu gelten?
- Und sie brauchen Führung, die nicht nur einlädt, sondern loslässt.
Der Durchbruch kommt durch eine ehrliche Führungsfrage: Welche Entscheidungen dürfen dort getroffen werden, wo die Kompetenz sitzt?
Ein Lese-Tipp: Studie zu X-Y-Theorie in fünf Komponenten der Organisation
Von Kontrolle zu Verbindung
Die Kurve von der X-Y-Theorie zur Vernetzung ist keine gerade Linie. Sie ist eher eine Entwicklung mit Stolpersteinen, alten Reflexen und neuen Möglichkeiten.
Am Anfang steht oft Kontrolle. Nicht aus Bosheit. Sondern aus Unsicherheit. Führungskräfte wollen Qualität sichern, Risiken vermeiden, Verantwortung tragen. Das ist verständlich. Und gleichzeitig kann genau diese Logik verhindern, dass andere Verantwortung entwickeln. Dann kommt die Irritation: „Wir können doch nicht alles zentral entscheiden.“ Oder: „Unsere Teams warten zu sehr auf Ansagen.“ Oder: „Wir verlieren Wissen zwischen den Bereichen.“ Diese Irritation ist wertvoll. Sie zeigt, dass das alte Muster nicht mehr trägt. Danach entsteht die Frage nach dem Menschenbild: „Was hindert uns daran, mehr zuzutrauen?“ Diese Frage ist unbequem, weil sie nicht nur Prozesse betrachtet, sondern Haltung. Sie fragt nach Macht, Vertrauen, Fehlerkultur, Kommunikation und Selbstverständnis. Und dann beginnt Bewegung: Verantwortung wird verteilt. Wissen wird geteilt. Führung wird dialogischer. Teams werden beteiligter. Grenzen zwischen Bereichen werden durchlässiger. Vernetzung wird nicht mehr als Extra verstanden, sondern als Teil wirksamer Organisation.
Wichtig ist: Theorie Y bedeutet nicht „alle machen, was sie wollen“. Vertrauen heißt nicht Chaos. Beteiligung heißt nicht Endlosdiskussion. Und Vernetzen heißt nicht, dass jede:r mit jeder:m über alles sprechen muss.
Theorie Y heißt: Wir gestalten Rahmenbedingungen, in denen Menschen Verantwortung übernehmen können und wir bauen Strukturen, die Verbindung wahrscheinlicher machen als Silodenken.
Wieso Vernetzung für Transformation unverzichtbar ist
Transformation ist kein Staffellauf, bei dem die Strategie oben startet und unten bitte sauber ins Ziel getragen wird. Transformation ist eher ein lebendiges Gewebe: viele Fäden, viele Knotenpunkte, viele Spannungen, viele Muster. In komplexen Situationen reicht Einzelintelligenz nicht aus. Keine Führungskraft, kein Expert:innenteam und keine Projektgruppe sieht alles. Organisationen brauchen verteilte Wahrnehmung. Sie brauchen Menschen, die Signale aus Kund:innenkontakt, Verwaltung, HR, Führung und operativem Alltag zusammenbringen. Wenn Menschen verbunden sind, wandert Wissen schneller. Fehler werden früher sichtbar. Lösungen entstehen näher am echten Problem. Entscheidungen werden anschlussfähiger. Und Mitarbeitende erleben: „Meine Perspektive zählt.“ Das stärkt Identifikation. Wer sich mit der eigenen Organisation verbunden fühlt, braucht weniger externen Druck. Menschen bewegen sich, weil sie Teil von etwas sein wollen. Weil sie Wirkung sehen. Weil sie Verantwortung nicht als Zusatzlast, sondern als Gestaltungsmöglichkeit erleben.
Was wir als Kantelbergs anders machen
Wir glauben nicht an Transformation von der Stange und wir glauben auch nicht daran, dass man Menschen mal eben „mitnimmt“, als wären sie Rollkoffer auf dem Weg zum Gate. Menschen sind keine Projektressourcen mit Puls. Sie sind Erfahrungsträger:innen, Mustererkenner:innen, Beziehungsgestalter:innen, Skeptiker:innen, Möglichmacher:innen und manchmal auch wunderbar anstrengende Realitätschecks. Genau deshalb schauen wir in unserer Arbeit nicht nur auf Strukturen, Prozesse und Methoden. Wir schauen auf Haltung, Sprache und unausgesprochene Annahmen. Auf die Frage, welches Menschenbild in einer Organisation tatsächlich wirksam ist.
Die X-Y-Theorie ist dafür ein hilfreicher Kompass, weil sie eine zentrale Frage stellt:
- Gestalten wir Organisationen für Menschen, denen wir misstrauen? Oder gestalten wir Organisationen mit Menschen, denen wir Entwicklung zutrauen?
Von dort aus wird Vernetzung mehr als ein modernes Schlagwort. Sie wird zur Haltung. Zum Arbeitsprinzip. Zum Muskel, den Organisationen trainieren können.
Vielleicht ist jetzt ein guter Moment für einen kleinen Selbstcheck:
- Was trauen wir den Menschen in unserer Organisation wirklich zu?
- Wo sprechen wir von Beteiligung, halten Entscheidungen jedoch fest in der Hand?
- Welche Räume schaffen wir, damit Vernetzung nicht zufällig passiert, sondern selbstverständlich wird?
Am Ende geht es bei der X-Y-Theorie nicht um Schubladen. Es geht um Bewusstsein. Um den Mut, Kontrolle dort loszulassen, wo sie Entwicklung verhindert und um die Bereitschaft, Verbindung nicht nur zu fordern, sondern möglich zu machen.
Wir sind überzeugt: Organisationen verändern sich nicht, weil jemand ein neues Modell an die Wand hängt. Sie verändern sich, wenn Menschen anders miteinander denken, sprechen und handeln. Und dafür braucht es manchmal genau diese eine Kurve: vom Menschenbild zur Haltung, von der Haltung zur Führung, von der Führung zur Vernetzung.
Wenn gerade jetzt, in diesem Moment, der Eindruck, der Gedanke aufkommt: „Da brauchen wir ein Stück Wegbegleitung”, dann funken Sie uns einfach an!
Quellen
- McGregor, Douglas: Der Mensch im Unternehmen. 1. Auflage. Econ, Düsseldorf 1970, S. 62.
- Hattangadi, V. (2015). Theory X & Theory Y. International Journal of Recent Research Aspects 2, 20-21.




