
Effektivität – Vorsätze im Team umsetzen
17. Februar 2026Wie KI Berufe verändert:
Ein Interview mit Prof. Martin Baumann
KI ist längst nicht mehr nur ein Technikthema. Sie verändert, wie wir recherchieren, schreiben, auswerten, entscheiden und zusammenarbeiten. Und damit verändert KI nicht nur Berufe, sondern auch die Zukunft der Arbeit.
Wir haben mit Prof. Martin Baumann, Professor für Human Factors am Institut für Psychologie und Pädagogik an der Universität Ulm darüber gesprochen, wie Menschen mit intelligenten Systemen umgehen, warum Vertrauen in KI so heikel ist, welche Kompetenzen in Zukunft wichtiger werden und wieso KI für ihn vor allem eines ist: ein sehr intelligentes Hilfsmittel.
Herr Prof. Baumann, womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Forschung im Kontext von KI?
Prof. Dr. Martin Baumann:
Ich bin Psychologe und beschäftige mich unter anderem damit, wie Menschen intelligente KI-Systeme nutzen und erleben.
Im Kern geht es um die Psychologie der Mensch-Maschine-Interaktion. Mich interessiert, wie solche Systeme verstanden werden, wie Vertrauen entsteht und angemessen kalibriert werden kann, das heißt wie die Erwartungen der Nutzenden an die tatsächlichen Fähigkeiten angepasst werden können.
Weiterhin geht es um Transparenz: Welche Erklärungen sind sinnvoll und wann werden sie gebraucht?
Und schließlich geht es auch um Workload. Man will Menschen ja nicht mit tausend Informationen überfordern. Insgesamt geht es darum, wie Interaktion gestaltet sein muss, damit Technologie hilfreich ist.
Wie wird diese Forschung in konkreten Projekten sichtbar?
Prof. Dr. Martin Baumann:
Unser letztes gefördertes KI-Projekt war ein Mensch-Roboter-Projekt. Dabei ging es um autonome Roboter im öffentlichen Raum und darum, wie Menschen solchen Systemen begegnen.
Da schaut man zum Beispiel darauf, wie Konflikte im Vorfeld verhindert werden können, wenn sich Mensch und Roboter im Weg stehen.
Daneben laufen bei uns interne Projekte, u.a. dazu, wie KI ihre eigene Unsicherheit kommunizieren könnte, sodass ihre Antworten den Grad der Sicherheit in die Richtigkeit widerspiegeln. Mit Unsicherheit behaftete Antworten sollen nicht aufgrund einer sehr starken Formulierung fäschlicherweise als richtig wahrgenommen werden, sondern als möglicherweise zutreffend. Das ist wichtig, damit ein kalibriertes Vertrauen entstehen kann.
Außerdem schauen wir uns an, wie KI-Systeme wahrgenommen werden und ob es dabei kulturelle Unterschiede gibt, das ist ein weiterer wichtiger Aspekt im Kontext von KI und Zukunft der Arbeit.
Bleiben wir bei einem konkreten Beispiel: Wie verändert KI wissenschaftliches Arbeiten und wo sehen Sie die größten Stärken und Schwächen?
Prof. Dr. Martin Baumann:
Im Alltagsgeschäft merken wir den KI-Wandel deutlich: Was früher Hilfskräfte oder Studierende etwa bei der Literaturrecherche erledigten, übernehmen heute größtenteils KI-Tools schneller und gezielter.
Auch Doktorand:innen nutzen KI zur Code-Generierung für Datenauswertungen, was den Zugang zu Statistiksoftware erleichtert.
KI dient außerdem zur Ideensammlungen, Brainstormings und als Sparringspartner, etwa zur Identifikation bestehender Ideen und Forschungslücken. Das beschleunigt vieles, birgt aber die Gefahr, den gesamten Prozess auszulagern.
Dann stellt sich die Frage: Was ist noch mein Job? Wenn Schreiben, Ideengenerierung und Schärfung von Gedanken vollständig an KI abgegeben werden würden, droht langfristig ein Verlust an Fertigkeiten und Wissen. Gleichzeitig steigt der Output, also z.B. die Anzahl an Einreichungen bei Projektausschreibungen oder bei Zeitschriften und Konferenzen, und nicht alles davon ist sinnvoll und es wird immer schwieriger, die guten Ergebnisse und Vorschläge aus der Masse herauszufinden.
Außerdem könnte der zentrale Aspekt wissenschaftlichen Arbeitens verloren gehen: der Diskurs und die gemeinsame Auseinandersetzung mit Kolleg:innen. Und das ist es doch, was unsere Arbeit wertvoll macht und uns weiterbringt. Das ist ein Thema, das eng mit der Frage verbunden ist, wie KI Berufe verändert.
Ein weiterer Gedanke, der in diesem Zusammenhang häufig zur Sprache kommt, ist der Vergleich von KI mit dem Buchdruck oder dem Internet. Sehen Sie darin auch einen Paradigmenwechsel?
Prof. Dr. Martin Baumann:
Einige Kolleg:innen würden vermutlich klar „Ja“ sagen, ich selbst bin vorsichtig, da vieles noch neu ist. Die Entwicklung könnte ähnlich tiefgreifend sein, wie die Einführung des Internets, die Veränderungen der letzten Jahre zeigen das schon.
Beim Vergleich mit dem Buchdruck wäre ich zurückhaltender: Dieser steht für mich für offene Informationszugänglichkeit, bei KI ist mir noch unklar, ob sie eher Informationen oder Desinformation verbreitet. Die Möglichkeiten steigen enorm und damit auch die Risiken.
Eng damit verbunden ist auch die Frage, welche Rolle KI in der Interaktion mit Menschen einnehmen sollte: Werkzeug oder Teammitglied?
Prof. Dr. Martin Baumann:
Meine Vision: KI ist ein Werkzeug. Gerade, wenn wir darüber sprechen, wie KI Berufe verändert, sehe ich eine Vermenschlichung kritisch. Sie haben keine Persönlichkeit, ihr Verhalten wirkt nur so, damit es für uns greifbarer wird.
Natürlich sind sie sehr effektive Werkzeuge, die große Datenmengen passgenauer verfügbar machen als klassische Google-Suchen, weil ich Kontext mitgeben kann. Allerdings KI als gleichwertigen Partner neben Menschen zu betrachten, sehe ich problematisch, da ihr keine Verantwortung zukommt.
Deshalb sollte man den Werkzeugcharakter nicht verstecken und nicht so tun, als säße eine Person dahinter.
Das führt unmittelbar zu der Frage, in welchen Bereichen der Mensch langfristig unverzichtbar bleibt und welche Rolle KI und die Zukunft der Arbeit spielen werden.
Prof. Dr. Martin Baumann:
Das ist eine superschwere Frage. Ich glaube, dass Informatiker:innen diese Frage besser beantworten könnten, weil sie die technische Entwicklung genauer einschätzen können.
Mein Eindruck ist, dass kreative Tätigkeiten stärker beim Menschen liegen. Wenn KI für uns Bilder generiert, dann auf Basis dessen, was schon da ist. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass es einen KI-Van-Gogh geben könnte. Also etwas, das radikal mit Bestehendem bricht und wirklich etwas komplett Neues schafft.
Vielleicht liegt diese Einschätzung auch an meiner begrenzten Kenntnis der technischen Möglichkeiten. Genau das macht Prognosen gerade so schwierig, wenn man diese Modelle nicht regelmäßig testet und beobachtet, arbeitet man gefühlt schon mit veralteten Vorstellungen.
Was bedeutet das denn für den Menschen? Welche Kompetenzen braucht der Mensch, um gut mit KI arbeiten zu können?
Prof. Dr. Martin Baumann:
Dringend braucht es ein Verständnis für die Grenzen dieser Systeme, gerade im Hinblick auf KI und die Zukunft der Arbeit. Also die Fähigkeit, einzuschätzen, wann man Aussagen vertrauen kann. Deshalb sollten Menschen schon in Bildungskontexten Wissen darüber erwerben, wie KI prinzipiell funktioniert.
Die Interaktion wird dabei immer zugänglicher und natürlicher. Man muss nicht mehr alles in komplizierten Prompts formulieren, sondern kann eher ein Gespräch führen. Was ich fast noch spannender finde: Man sollte solche Systeme nicht nutzen, um Dinge nur auszulagern, sondern auch aus ihrem Output lernen. Ich kann mir zum Beispiel einen Text übersetzen lassen und es dabei belassen. Ich kann mir den Output aber auch genau anschauen und verstehen wollen, was daran besser war als an meiner eigenen Version. Dann lerne ich etwas.
Was ist Ihre Einschätzung: Warum fällt es Menschen oft so schwer, Fehler von KI zu erkennen oder kritisch zu hinterfragen?
Prof. Dr. Martin Baumann:
Ein Grund ist die sprachliche Qualität des Outputs. Diese Systeme produzieren keine Stichpunkte, sondern komplexe, gut formulierte Sätze, oft sehr affirmativ und sicher. Da wir uns in einem scheinbar sozialen Austausch befinden, behandeln wir die Informationen ähnlich wie Aussagen von Menschen.
Dadurch schreiben wir ihnen schnell hohe Kompetenz zu und vermuten keine Fehler. Deshalb brauchen wir die Fähigkeit, kritisch nachzufragen und Inhalte zu überprüfen.
In eigenen Recherchen habe ich erlebt, dass vorgeschlagene Forschungsprojekte teilweise gar nicht existieren oder nicht in der dargestellten Form.
Das führt zu der zentralen Frage, wie sich die Arbeit mit Menschen und KI in den nächsten zehn Jahren verändern wird.
Prof. Dr. Martin Baumann:
Ich glaube, wir werden mit KI deutlich stärker sprachlich kommunizieren. Das ist heute schon möglich und wird sich noch weiterverbreiten.
Viele Systeme, die ich nutze, sind derzeit noch als Frage-Antwort-Spiel aufgebaut und es fehlt an Proaktivität. Aber mittlerweile gibt es ja bereits KI-Agenten, mit denen ich bisher nicht gearbeitet habe, die aber vermutlich deutlich mehr an Proaktivität zeigen.
Im Hinblick auf das Thema KI und die Zukunft der Arbeit wären Systeme spannend, die nicht nur reagieren, sondern passend unterstützen und erkennen, wann Hinweise hilfreich sind. Wie in einem guten Sekretariat, wie ich das Gott sei Dank habe.
Ob das in zehn Jahren so kommt, ist schwer zu sagen. Beim automatisierten Fahren heißt es auch seit Jahrzehnten: in fünf bis zehn Jahren.
Dass Systeme multimodaler, natürlicher und direkter werden, halte ich schon für sehr wahrscheinlich.
Und zum Schluss: KI ist für Sie vor allem …
Prof. Dr. Martin Baumann:
Ein Hilfsmittel. Ein sehr intelligentes Hilfsmittel. Oder Werkzeug.
Wie wir diese Werkzeuge nutzen, wird entscheidend dafür sein, wie sich Arbeit in Zukunft verändert.




